Österreich - Asylgerichtshof, 29 Januar 2013, E1 432053-1/2013

Country of Decision:
Country of Applicant:
Date of Decision:
29-01-2013
Citation:
E1 432053-1/2013
Court Name:
Asylgerichtshof
Relevant Legislative Provisions:
International Law > 1951 Refugee Convention > Art 1A (2)
International Law
International Law > 1951 Refugee Convention
Council of Europe Instruments > EN - Convention for the Protection of Human Rights and Fundamental Freedoms
Council of Europe Instruments
Council of Europe Instruments > EN - Convention for the Protection of Human Rights and Fundamental Freedoms > Article 3
European Union Law > EN - Asylum Procedures Directive, Council Directive 2005/85/EC of 1 December 2005 > Art 8
European Union Law > EN - Charter of Fundamental Rights of the European Union > Article 1
European Union Law > EN - Asylum Procedures Directive, Council Directive 2005/85/EC of 1 December 2005 > Art 12 > Art 12.2
European Union Law > EN - Asylum Procedures Directive, Council Directive 2005/85/EC of 1 December 2005 > Art 12
European Union Law > EN - Charter of Fundamental Rights of the European Union > Article 3
European Union Law > EN - Charter of Fundamental Rights of the European Union > Article 4
European Union Law > EN - Qualification Directive, Directive 2004/83/EC of 29 April 2004 > Art 4 > Art 4.2
European Union Law > EN - Qualification Directive, Directive 2004/83/EC of 29 April 2004 > Art 4 > Art 4.3
European Union Law > EN - Qualification Directive, Directive 2004/83/EC of 29 April 2004 > Art 4 > Art 4.4
European Union Law > EN - Qualification Directive, Directive 2004/83/EC of 29 April 2004 > Art 6
European Union Law > EN - Qualification Directive, Directive 2004/83/EC of 29 April 2004 > Art 8
European Union Law > EN - Qualification Directive, Directive 2004/83/EC of 29 April 2004 > Art 9
European Union Law > EN - Qualification Directive, Directive 2004/83/EC of 29 April 2004 > Art 10
European Union Law > EN - Qualification Directive, Directive 2004/83/EC of 29 April 2004 > Art 13
European Union Law > EN - Charter of Fundamental Rights of the European Union > Article 18
National / Other Legislative Provisions:
Austria - Allgemeines Verwaltungsverfahrensgesetz (General Administrative Procedure Act) 1991 - § 66
Austria - Asylgesetz (Asylum Act) 2005 - § 3
Austria - Asylgesetz (Asylum Act) 2005 - § 8
Austria - Asylgesetz (Asylum Act) 2005 - § 41
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Headnote: 

Einer Transgender-Frau aus Pakistan wurde der Flüchtlingsstatus zuerkannt, da Diskriminierung aus asylrelevanten Motiven sowie unfreiwillige Prostitution zur Existenzsicherung ausreichend intensiv sind, um Verfolgung im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention darzustellen.

Facts: 

Die Antragstellerin beantragte 2012 in Österreich internationalen Schutz. Sie gab an, Pakistan verlassen zu haben, da sie eine sogenannte "Hijra" sei. Sie sei als Junge geboren worden, hatte jedoch seit dem neunten Lebensjahr "Tendenzen, eine Frau zu sein", weswegen sie im Alter von elf Jahren von ihrer Familie verstoßen wurde. Sie lebte seither an unterschiedlichen Orten, wo sie gemeinsam mit anderen Transgender-Personen als Tänzerin und Prostituierte arbeitete, da sie keine anderen Erwerbsmöglichkeiten hatte. Sie wurde diskriminiert, beschimpft, beleidigt, gemieden und ausgelacht. Die Polizei sei immer wieder in ihre Unterkunft gekommen und hätte ihr Geld weggenommen. Nachdem eine ihr bekannte andere Trans-Frau geheiratet habe, sei die Lage noch schlechter geworden, da dies publik geworden und bei den Paschtunen verboten sei. Eine befreundete Trans-Frau sei in Folge dessen von den Taliban getötet worden. Um all dem zu entkommen und aus Angst um ihr Leben, welches in Pakistan keinen Wert habe, habe sie schließlich das Land verlassen.

Die Antragstellerin hatte keine geschlechtsangleichenden Operationen hinter sich. Sie wurde aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes und ihrer Lebensweise als Frau im Asylverfahren als weibliche Person geführt, womit sich die Antragstellerin als einverstanden erklärte.

Das Bundesasylamt erkannte der Antragstellerin den Status als subsidiär Schutzberechtigte zu und erteilte ihr eine befristete Aufenthaltsberechtigung für ein Jahr. Die Entscheidung wurde damit begründet, dass das Vorbringen zwar glaubhaft sei und grundsätzlich unter einen Konventionsgrund (soziale Gruppe) zu subsumieren sei; jedoch handle es sich nicht um eine derart intensive oder systematische Diskriminierung, die für eine Gewährung des Konventionsstatus Voraussetzung sei. Dies vor allem vor dem Hintergrund der Länderfeststellungen, aus denen hervor gehe, dass in Pakistan Homosexualität bzw. Transsexualität zwar offiziell gesellschaftlich nicht akzeptiert, aber im privaten Bereich toleriert werde. Es bestehe zwar eine Strafbarkeit von nachgewiesenem, sogenannten "unnatürlichen" Geschlechtsverkehr, diese Bestimmung komme aber nie zur Anwendung. Darüber hinaus stehe Transsexuellen von Seiten des Staates (in einer äußerst modernen und liberalen, ja den Regelungen der europäischen Staaten übertreffenden Ansatzpunkt) eine eigene Geschlechterzuordnung ("Hijra") zu und könne somit diese Strafbestimmung nicht zur Anwendung kommen. Im November und Dezember 2009 habe das Verfassungsgericht durch entsprechende Direktiven an die Regierung die rechtliche Stellung von Transsexuellen, u.a. im Bereich des Erb- und Arbeitsrechts gestärkt. Andere Direktiven an die Bundes- und Provinzregierungen hätten den Schutz vor Verfolgung sowie das Recht auf Zugang zu kostenloser Gesundheitsversorgung und Erziehung betroffen.

Aufgrund ihrer persönlichen Umstände, nämlich die Verstoßung durch die Familie und ihre bisherige Erwerbstätigkeit, wäre eine Rückkehr nach Pakistan trotzdem nicht zumutbar. Da ihr lediglich die unfreiwillige Prostitution offenstehe, die an sich durchaus einen intensiven Eingriff in die körperliche (und seelische) Integrität darstelle, der einer ernstlichen und erheblichen, intensiven und unzumutbaren erniedrigenden Behandlung gleichkomme, wurde der Status als subsidiär Schutzberechtigte zuerkannt.

Gegen die Nichtgewährung des Flüchtlingsstatus erhob die Antragstellerin Beschwerde an den Asylgerichtshof.

Decision & Reasoning: 

Der Asylgerichtshof verzichtete auf die Durchführung einer mündlichen Verhandlung, da der maßgebliche Sachverhalt bereits durch das Bundesasylamt ermittelt wurde.

Der Asylgerichtshof führte unter Bezugnahme auf die Länderberichte aus, dass die von der Antragstellerin berichtete Diskriminierung einen Asylgrund darstelle. Das Bundesasylamt habe  im angefochtenen Bescheid angeführt, dass die unfreiwillige Prostitution die einzige Möglichkeit wäre, ihren Lebensunterhalt zu sichern und dies einen Eingriff in Art 3 EMRK darstelle. Bereits Benachteiligungen im sozialen, wirtschaftlichen oder religiösen Bereich können, sofern sie aus asylrelevanten Motiven erfolgen, für die Bejahung der Flüchtlingseigenschaft dann ausreichend sein, wenn sie eine solche Intensität erreichen, die einen weiteren Verbleib des Asylwerbers in seinem Heimatland unerträglich machen.

Diese Voraussetzungen sind im gegenständlichen Fall gegeben, weswegen der Flüchtlingsstatus zuzuerkennen war.

Outcome: 

Der Beschwerde wurde stattgegeben und der Antragstellerin der Flüchtlingsstatus zuerkannt.

Observations/Comments: 

Weitere Entscheidungen zu Transgender-Personen:

UBAS 24.10.2002, 215.214/0-VIII/22/02 (Irak)

UBAS 10.05.2004, 240.479/0-VIII/22/03 (Georgien)

UBAS 28.03.2006, 244.745/0-VIII/22/03 (Iran)

AsylGH 28.12.2009, S13 409.528-1/2009 (Ecuador; Dublin-Verfahren Deutschland)

AsylGH 24.02.2011, A4 213.316-0/2008 (Ägypten)

Other sources cited: 

Schweizerischen Flüchtlingshilfe, Pakistan: Situation von Hijras, Auskunft der Länderanalyse, vom 14.05.2012

Auswärtiges Amt: Bericht über die asyl- und abschiebungsrelevante Lage in der Islamischen Republik Pakistan, Stand: Juni 2011

Human Rights Commission of Pakistan: State of Human Rights in 2011, März 2012

Auswärtiges Amt: Pakistan - Innenpolitik, Stand: März 2012

Pak Institute for Peace Studies: Pakistan Security Report 2011, 4.1.2012

Schweizerische Flüchtlingshilfe: Auskunft der SFH - Länderanalyse, Pakistan: Justizsystem und Haftbedingungen, 5.5.2010

United States Department of State: Country Report on Human Rights Practices 2011, 24.5.2012

US Department of State: Country Report on Human Rights Practices 2010, 8.4.2011

Human Rights Watch: World Report 2012, 22.1.2012

Case Law Cited: 

VwGH 25 Januar 2001, 2001/20/0011

VwGH 13 November 2008, 2006/01/0191

VwGH 19 Oktober 2006, 2006/19/0297

VwGH 15 März 2001, 99/20/0134

VwGH 15 März 2001, 99/20/0036

VwGH 24 März 1999, 98/01/0352

VwGH 17 Oktober 2006, 2006/20/0120

VwGH 20 September 2004, 2001/20/0430

VwGH 22 März 2000, 99/01/0256

VwGH 17 September 2003, 2001/20/0177

VwGH 21 Dezember 2000, 2000/01/0131

VwGH 12 September 2002, 99/20/0505

VwGH 26 Februar 2002, 99/20/0509

VwGH 21 September 2000, 99/20/0373

VwGH 23 Juli 1999, 99/20/0208

VwGH 27 Juni 1995, 94/20/0836

VwGH 28 März 1995, 95/19/0041

VwGH, 19 Oktober 2000, Zl. 98/20/0233

VwGH 22 Dezember 1999, 99/01/0334

VwGH 9 November 2004, 2003/01/0534